Der Staats-Anzeiger
Bismarck, North Dakota
16 February 1911
Film 11463, Vol. 5, No. 30, Page 5

Kandel, North Dakota
January 23, 1911

Mr. Paul Becker writes an article printed in number 26, page 5, column 4 of this paper in which he states that I went too far in what I said in an article printed in the Harvey Herald. He put me down in the eyes of my fellow countrymen with his mocking expression. I really do not know in what manner my article could have been written differently. It bothers me that this person asserted that my correspondence was false and caused this type of misunderstanding. When I write about religious schools in America, it certainly has nothing to do with my countrymen. My intent was to try to curb rude and improper behavior by the coming generation with an article consisting of a religious education to the youth so they will grow to be upright and well-mannered. This was what my intent was and for that, no one can claim that I was insulting to anyone.

During the past eight years, I have been frequently written letters to newspapers and I have never been found to be guilty of such a charge. I know a fair amount of how far I can go before the newspaper editor takes my letters and tosses them into the waste basket. I have written many nice and informative articles about the Odessa District and the farmers reading Der Staats-Anzeiger appear to enjoy reading them. I am a home and community teacher and enjoy giving good lectures. Perhaps Mr. Becker did not read my earlier articles because otherwise he would not come to the conclusion that he did. I cannot understand how Mr. Becker, a competent reader of books and newspapers could conclude that my correspondence was incorrect. When I speak about the children who practice inappropriate behavior, there are always exceptions. Whether I write about this or that, the message is to be taken in a generalized manner. The message is not written specifically for Michel, Hans or Jackel. Naturally, one cannot apply the message to everyone.

Many German-Russians who emigrate to the United States and North America bring sad news that the Czar's Empire is marching forward to bring to an end our German culture and put an end to further land purchases.

Some of the emigrants remark that the German man in Russia should learn everything Russian and that they are treated worse that a stepchild by an angry stepmother. Others maintain that the Government's Russiafication of the German people is good for progress and that lessons in the German language be limited to religious education only. Others report that Germans receive no justice in the Russian courts. The Germans can be right in very obvious ways, have a dozen witnesses but nevertheless, the Russian will win in court. To make matters worse, the German must pay the fine or sit in jail for several weeks.

Because of this situation, the Empire of the Czar really becomes more powerful at the expense of justice. Many people only speak with their fist, or they see the world through a different light, not in a realistic manner. They make much gossip and trumpet empty nonsense and bring shame to the land, talking about it the world over. The fact that the Germans have lost many of their privileges in the past two decades cannot be denied but nevertheless, it is not as bad as some people declare.

Many people are chatting about the Sojus1 and describe the word Sojus in the same way that one describes those who falls away from his belief. Hence, the work Sojus has become known as "fallen away". There are those who have lived in Russia for many years and still do not know what Sojus means. In German, Sojus means "alliance" or "federation". Therefore, the most significant danger for religion and for believers is when believers ridicule those who join the Sojus. Those who join the Sojus swear an oath to declare their loyalty to the Czar, the Constitution and the laws of their country. They swear to undertake the task of crushing revolutionary elements before they can attack the rulers of the country and so forth. This is what I know and can report on regarding the Sojus.

I send greetings to all readers.

Anton Jochim
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  1. Translator's note: I could not find the meaning of "Sojus". I contacted Lillian Weigel of Connecticut who told me it means "Soviet". For the purpose of this letter, I will leave the word as printed in the German text.
Irma Geiss Katz Collection, Skokie, Illinois
Translation by Val Wangler, Bismarck, North Dakota, December 2004
2004 by Val Wangler
All Rights Reserved

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Der Geehrte Herr Einsender Paul Becker schrieb in seinem an das Blatt eingesandten Artikel in Nummer 26, Seite 5, Splate 1, dass ich im Harvey Herald etwas zu weit ging und als hatte ich mich erfrecht, spottischer Ausdrucke meinen Landsleuten gegenuber mich zu bedienen. Ich wusste aber wirklich nicht, aus welche Briefed as geschehen sein sollte. Es thut mir leid, dass so manche meiner Korrespondenzen falsch aufgesasst und der Inhalt gauzlich missverstanden, oder verfehrt gedeutet wird. Wenn ich von religiouslosen Schulen Amerikas schreibe, so hat das gewiss nichts mit meinen Landsleuten zu thun. Wen uber die Zugell_sigkeit. Nohheit und Ananstandigkeit der herauwachsenden Generation ein paar Dutzend Worte geartikeit warden, wenn ich viel von einer richtigen und religiosen Erziehung der Jugend gesprochen und Mittel anrathe, die Jugend als brave und gutgesittete Kinder zu erziehen, oder einmal etwas uber wirkliche Vorkommunisse die sich auf dem Lande abspielten, korrespondirte, so kann das doch von Niemandem als Beleidigung ausgefasst warden.

Ich korrespondire bereits acht volle Jahre und habe mir in meinen veroffentlichten Berichten niemals etwas zu schulden klommen lassen, denn ich weiss ziemlich genau, wie weit man gehen darf, ohne Gefahr zu laufen, Dass der Herren Redakteure Geschreibiel dem Papierkorb uberautworten. Ich habe schon recht vikel Schones und Erfrenliches von Odessa und den Farmern im werten Staats-Anzeiger erscheinen lassen, habe Odessa von allen Ansiedelungen, soweit ich als Hause und Gemeindelehrer doziete, den Vorzug gegeben und deu Wunsch ausgesprochen, dort immer als Lehrer fungiren zu durfen. Wahrscheinlich hat Herr Becker meine fruheren Artikel nicht gelesen, denn konst wurde er mir gewiss nicht mit Vorwurken kommen. Ich kann nicht begreisen, dass Herr Becker meine Korrespondenzen so nurichtig dentet, da er doch ein tuchtiger Bucher und Zeitungsleser ist. Wenn ich von Zugellosigkeit der Kinder spreche, so sind damit nicht alle gemeint, denn es giebt immer Ausnahmen. Schreikbe ich uber Dieses oder Jenes, so ist dies allgemein zu nehman und nicht speziell fur den Michel, Hans oder Jockel geschrieben. Naturlich kann man es selbst dann nicht Jedem recht machen.

Viele der deutschrussischen auswanderer nach den Ver. Staaten Nord-Amerikas bringen gar traurige Kunde aus dem Zarenreiche, welches bestandig sich mit Planen besasst, denn Vorwartsschreiten des deutschen Kulturvolkes dort ein Ende zu machen und dem Landkanseu Halt zu gelieten.

Einige der Aukommlinge bemerkten, der deutsche Mann in Russland soll den Becher des russischen Despotisums leeren; der dortwohnende Deutsche sei noch viel weniger glzahlt als das Stiefkind bei eine bosen Stiefmutter. Andee behaupten, dass die Regierung mit der Rissislzirnug des deutschen Volkes gute Fortschritte mache, dass der Anterricht in deutscher Sprache nur noch sparlich im Lektionsplan zu finden sie ausgenomen im Religionsvortrag Andere berichten dass Deutsche aus russischen Gerichtshofen seine Gerechtigkeit finden. Habe der Deutsche auch das Recht in der Hand und noch Dutzende Zeugen dazu, geht doch der Russe als Sieger aus dem Gerichts sale und der Deutsche muss entweder blechen oder noch einige Wochen im Finstern zubringen.

Wenn dem nun so ware, so musste im Reche des Zaren wirklich seine Gerechtigkeit mehr walten. Viele Leute sprechen oft auch nur aus der Faust, oder sie erkennen manches in ganz anderem Lichte als es wirklich ist; sie machen viel Geschwatz und trompeten leeren Unsinn und vater landsschauderische Reden in die weite Welt hinaus. Dass die Deutschen in den vergngenen zwei Dezennien viele ihrer Rechte und Privilegien einbussten, kann allerdings nicht abgeleugnet warden, abe trotzdem Kann es selbst heute nicht so schlimm stehn wie manche Leute erklaren. Oder wer hat den Deutschen in Russland geboten das Land zu saubern? Bewiss nicht der Kaiser oder der Staat. Vielleicht einige besossene Muschiken, die den Deutschen, seines auf schwunges wegben, beneiden.

Wiederunt schwatzen viele Leute von dem Sojus und den Sojusniken und schildern das Wort Soius, als ware darunter eine Art Abfall vom Glauben zu verstehen und als habe das Wort Sojusniki die Bedeutung "Abgefallene", denen sich viele Deutsche anschliessen. Wohnten diese Einwanderer doch viele Jahre in Russland und konnten nicht wissen was Sojus bedeutet. Sofus heist auf deutsch so viel wie Bund oder Verhand. Folglich liegt darin nicht die geringste Gefahr fur Religion oder Glauben, wohl abe eine Lebensgefahr fur Denfenigen, der kie Glieder, welche sich dem Sojus angeschlossen habe, bespottelt, oder an dere vor dem Beitritt in den Sojus abzuhalten sich betrebt, , oder zum Austritt anrath. Die zum Sojus horenden Glieder heissen daher so susnikt. Die leisten den Schwur den Treue ihrem Kaiser und den eristireden Konstitutionen und Gesetzen des Vaterlandes, und verpflichten sich, alle revolutionaren Elemente zu unterdrucken, den Landsherrscher vor Uberfallen zu schutzen, und so weiter. Woweit mein Wissen und meine Erklarung bezuglich des wortes Sojus.

Mit Gruss an den Ganzen Leserkreis.

Anton Jochim